Google Book Settlement: um was geht es und was ist bisher passiert?


Update vom 23.3.2011

Der Vergleich wurde vom Gericht abgelehnt. (Quelle: Börsenblatt)

Um was es geht

Google hat Bücher aus Bibliotheksbeständen gescannt und diese über Google Books auszugsweise veröffentlicht. Nach einer Sammelklage von amerikanischen Autoren und Verlegern hat Google einen Vergleich vorgeschlagen, das Google Book Settlement. Darin wird geregelt, wieviel Google an die Rechteinhaber zu zahlen hat und welche Rechte Google dafür übertragen werden. Über die genauen Inhalte dieses Vergleichs wird momentan vor Gericht gestritten. Das Urteil wird in den nächsten Wochen erwartet.

Google Books, Google Print, Google Library

Zunächst sollten einige Begriffe geklärt werden, die in der Diskussion immer wieder durcheinander geworfen werden:

Über die Google Buchsuche können Nutzer den vollständigen Text der Bücher durchsuchen. Auf der Ergebnisseite sieht man das Cover und Infos wie Autor oder Verlag. Außerdem gibt es Links zu Online-Shops und Bibliotheken, bei denen das Buch erhältlich ist und Links zu Rezensionen über das Buch. Teilweise wird das Suchwort in einem Vorschautext angezeigt. Dies hängt von den Rechteverhältnissen ab: Standardmäßig wird der Suchbegriff in einem 2-3 Sätze langem Snippet angezeigt. Widerspricht der Rechteinhaber der Veröffentlichung, wird kein Text angezeigt. Mit Genehmigung der Rechteinhaber können längere Auszüge oder der komplette Text angezeigt werden. Gemeinfreie Bücher können komplett gelesen und heruntergeladen werden. Angemeldete Nutzer können ein digitales Bücherregal erstellen und dieses mit Freunden teilen. Google Books speist sich aus den Inhalten von Google Print und Google Library.

Google Print (Partner-Programm) ist ein Projekt in Kooperation mit Verlagen. Die Verlage können sich für die Google Bücher-Suche anmelden und ihre Inhalte kostenlos zur Verfügung stellen. Die Vorteile für den Verlag: einmal bekommt er Anteile von Werbeeinahmen, die auf seiner Buchergebnisseite erzielt wurden (leider konnte ich keine genauen Angaben zur Höhe der Beteiligung finden). Zudem hofft der Verlag, über Google Books eine neue Zielgruppe zu erreichen und so zusätzliche Einnahmen zu erzielen. Das Partner-Programm von Google ist nicht umstritten, da die Rechtinhaber hier der Veröffentlichung zugestimmt haben.

Im Zentrum des Streits steht das Projekt Google Library (Bibliotheksprogramm). Dies ist eine Kooperation mit Bibliotheken, die Google ihre Bestände gegen Bezahlung zur Verfügung stellen. Die Bayerische Staatsbibliothek in München hat 2007 als erste deutsche Bibliothek mit Google kooperiert. Über eine Millionen Bücher sollen gescannt werden. Hier handelt es sich aber ausschließlich um urheberrechtsfreie Werke. Die Bücher werden auch auf den Seiten der Staatsbibliothek zur Verfügung gestellt.

Im Rahmen anderer Bibliothekskooperationen hat Google aber auch Werke gescannt, die noch urheberrechtlich geschützt sind. Diese wurden ohne Genehmigung der Rechteinhaber in der Google Buchsuche auszugsweise veröffentlicht.

Was bisher geschah

2004 startet Google Print, eine Kooperation mit verschiedenen Verlagen. Die Inhalte der ersten eingescannten Bücher erscheinen noch in der regulären Ergebnisliste. 2005 bekommt das Projekt eine eigene Suchseite und heißt von nun an Google Book Search. Neben den Inhalten aus Google Print werden nun auch Inhalte aus Google Library verwendet. Die Rechteinhaber der Bücher protestieren und fordern vor allem eine Beteiligung an den Einnahmen. Amerikanische Autoren und Verleger klagen gesammelt gegen Google. Das Unternehmen strebt einen Vergleich an und schlägt das inzwischen in mehreren Punkten modifizierte Google Book Settlement vor.

Der Vergleich soll ursprünglich weltweit gelten, was auch in Deutschland zu Widerspruch führt. Der deutsche Protest erreicht seinen Höhepunkt im März 2009 mit dem Heidelberger Apell, der von ca. 2.500 Autoren und Verlegern unterzeichnet wurde. Der Apell war sehr umstritten, da er sich nicht nur gegen die Digitalisierung durch Google Books, sondern auch gegen Open Access im Allgemeinen richtete. Das Ziel wurde trotzdem erreicht: Im November 2009 wird der Geltungsbereich des Settlements auf Bücher beschränkt, die in das amerikanische Copyright-Register eingetragen sind. Der Vergleich bezieht sich sich also auf den englischsprachigen Buchmarkt.

In Deutschland sind vom Google Book Settlement Verlage betroffen, die englischsprachige Bücher in die USA verkaufen. Aber auch für einige ältere Verlage gilt der Vergleich. Bis 1978 waren in den USA Bücher nur nach Eintrag in das Register effektiv urheberrechtlich geschützt, so dass bis dahin auch deutschsprachige Werke eingetragen wurden.

Am 18. Februar 2010 fand eine Anhörung der Gegner des Vergleichs statt. Hier waren auch die deutsche Regierung, der Börsenverein und die VG Wort vertreten. Das Urteil wurde vertagt. Auf die Entscheidung des Richters wird jetzt gewartet. Ob der Vergleich überhaupt zustande kommen wird, ist fraglich.

Die wichtigsten Kritikpunkte des Vergleichs

Vergriffene und „verwaiste“ Bücher
Zu klären ist, wie Google mit vergriffenen Büchern umgehen darf. Das Unternehmen will Bücher veröffentlichen, die anders nicht mehr erhältlich sind, um den Zugang zu diesen Informationen zu sichern. Dies verstieße aber gegen das Urheberrecht. Strittig ist auch der Umgang mit „verwaisten Werken“, also Büchern, deren Rechteinhaber nicht aufzufinden sind. Hier gibt es weder im amerikanischen noch im deutschen Urheberrecht eine eindeutige Regelung. Deswegen wird von Kritikern des Vergleichs gefordert, die Fragen gesetzlich – und damit allgemeingültig – zu regeln.

Opt-Out vs. Opt-In
Das Google Book Settlement sieht eine Opt-Out-Option vor. Dies bedeutet, dass Bücher standardmäßig in Google Books aufgenommen werden, der Rechteinhaber diese aber entfernen lassen kann. Kritiker wie zum Beispiel Justizministerin Leutheuser-Schnarrenberger (hier ein interessantes Interview zum Thema auf faz.net) fordern aber, dass die Bücher nicht grundsätzlich, sondern erst nach Anmeldung durch den Rechteinhaber gescannt werden sollen – also eine Opt-In-Option. Google lehnt dies aber mit Hinweis auf den hohen Aufwand kategorisch ab.

Monopolstellung von Google
Der Vergleich würde laut Kritikern die Marktposition von Google festigen und andere Digitalisierungsprojekte erschweren. Gefordert wird ein rechtliche Grundlage, die für alle Unternehmen gleichermaßen gilt. Zu den Kritikern gehören auch Konkurrenzunternehmen wie Microsoft, Amazon und Yahoo.

Doch hier spielt nicht nur die Monopolstellung auf dem digitalen Büchermarkt eine Rolle, sondern auch Googles Informationsmonopol und die daraus folgenden datenschutzrechtlichen Bedenken. Googles Crawler scannen alle Webseiten und speichern Kopien. Als größte Suchmaschine kennt Google die Suchanfragen fast aller Internetnutzer. Und auch nach den Suchanfragen trackt Google weiter. 2009 hat die University of California eine Studie zu Privatssphäre im Netz durchgeführt. Von den knapp 400.000 untersuchten Webseiten verwendeten 88,4% mindestens einen Google-Tracker (so nutzen z.B. 71,2% Web Analytics und 35,5% AdSense). Insgesamt bietet Google über 50 Dienste an. Mit Google Maps und StreetView geht die Datensammlung weiter. Zudem verwenden viele Nutzer auch noch Gmail, Chrome, Wave, das Google-Handy oder das erst kürzlich vröffentliche Soziale Netzwerk Buzz. Dazu hier eine lustige Parodie von comedy.com:

Da es zu weit führen würde, auf die Gefahren für die Privatsphäre näher einzugehen, möchte ich noch auf ein paar gute Artikel zum Thema verweisen:

Aktuelle Beiträge auch als Newsletter / bei Twitter / via RSS-Feed / bei Facebook verfügbar.