Die Anne Ragde Trilogie – Band 1: Das Lügenhaus
Ein preisgekrönter Bestseller, eine furiose Familiengeschichte mit wunderbar verschrobenen Charakteren – der Klappentext hat mir gefallen, das Buch nicht.
Die norwegische Autorin Anne Birkenfeldt Ragde, geboren 1957, hat 2005 in Norwegen den ersten Band ihrer Familien-Trilogie veröffentlicht. Das Buch wurde in Norwegen zum Bestseller und ist inzwischen in mehr als 15 Sprachen übersetzt. Die Autorin wurde mit dem Norwegischen Buchhandelspreis ausgezeichnet. In Deutschland wurden die Bücher zwischen 2007 und 2009 im btb Verlag veröffentlicht. Die Trilogie besteht aus den Büchern Das Lügenhaus, Einsiedlerkrebse und Hitzewelle. Die ersten beiden Bände sind inzwischen auch als Taschenbuchausgabe erhältlich. Ich habe den ersten Band “Das Lügenhaus” gelesen.
Es geht um drei Brüder, einen Bestattungsunternehmer, einen Schaufensterdekorateur und einen Schweinezüchter. Nachdem die Familie jahrelang keinen Kontakt hatte, trifft sie nach dem Tod der Mutter wieder aufeinander.
Die Handlung geht nur schleppend voran, spannend ist das Buch nie. Mit den Personen in dem Buch konnte ich mich nicht so recht anfreunden, da ich mir kein wirkliches Bild von ihnen machen konnte. Alle Personen sind wortkarg und etwas exzentrisch und sahen in meiner Vorstellung aus wie Kommissar Wallander. Erst kurz vor Schluss des Buches werden die unterschiedlichen Persönichkeiten deutlich. Nur der Charakter des homosexuellen Erlend erscheint von Anfang an lebendiger und sympathischer; allerdings auch, weil so gut wie jedes Schwulenklischee bedient wird. Trotzdem gibt es immer mal wieder auch sehr liebenswürdige Beschreibungen, zum Beispiel von Krumme, dem homosexuellen Freund des Dekorateurs Erlend:
“Krumme wünschte sich einen Matrixmantel. Einen schwarzen, knöchellangen, taillierten Ledermantel. Erlend war immer wieder überrascht und auch ein wenig neidisch angesichts von Krummes mangelnder Einsicht, was sein Äußeres betraf. Krumme im Matrixmantel, das wäre, wie einen Badeball mit einem engen Muff zu überziehen, der Ball würde nach beiden Seiten herausquellen. Der Mann war eins sechzig, sein Kampfgewicht unbekannt, und nackt sah er aus wie eine große Kugel auf zwei Stöckchen mit einer kleineren Kugel, die auf der großen balancierte. … Trotzdem prahlte er damit, genauso groß zu sein wie Robert Redford und Tom Cruise.” (S.54)
Solche amüsanten Stellen sind aber leider selten. Die meiste Zeit ist das Buch eher zäh. Langweiliges wird ausführlich und detailverliebt beschrieben, wie zum Beispiel hier:
“Aber wieso fehlten ihm die Milchkühe? Sie fehlten ihm durchaus, aber nicht so sehr, dass er sich seinen alten Alltag zurückgewünscht hätte. Es fehlte ihm zum Beispiel nicht, sich jeden Morgen und jeden Abend mit dem Grobfutter abmühen zu müssen. In den Silo zu klettern und den Greifer zu lenken, den Hammer zu heben und die Silokrallen in die dichtgepackte Masse aus gegorenem Heu zu wuchten, alles hochzuhieven, wieder aus dem Silo zu klettern und die Hebevorrichung über die Schienen zu dem Loch im Heuboden zu manövrieren, wo zwei Etagen tiefer der Futterverteiler wartete. Morgens und abends, sommers wie winters, selbst, wenn er im Sommer die Morgenfütterung überspringen konnte, denn dann waren die Kühe ja auf der Weide und brauchten nur vor dem Melken ein wenig Kraftfutter.” (S.84)
An solchen Stellen neige ich zum Überfliegen, weswegen ich öfters den roten Faden verloren habe. Teilweise war es auch stilistisch oder inhaltlich verworren, so dass man manche Sätze oder sogar ganze Absätze zweimal lesen musste. Auch lässt die Autorin den Leser gerne im unklaren, über welche Person gerade gesprochen wird. Die Absätze beginnen mit „Er machte dies und das…“, aber wer „Er“ ist, errät man erst nach einer Weile. Verwirrung auch bei den norwegischen Namen: zum Beipiel dachte ich fast ein Kapitel lang, „Tor“ sei der Spitzname von „Torunn“, bis mir auffiel, dass Torunn ein Frauenname ist und Tor und Torunn zwei unterschiedliche Personen sind.
Mein Fazit: An einigen Stellen hat mir „Das Lügenhaus“ gut gefallen, insgesamt fand ich es aber langweilig. Vielleicht auch, weil mir der Bezug zu Norwegen fehlt. Wie haben euch denn die Bücher von Anne Ragde gefallen?
Übersicht über die Anne Ragde Trilogie
1.Band:
Anne B. Ragde: Das Lügenhaus, übersetzt v. Gabriele Haefs, Erstveröffentlichung 2007, 319 Seiten
2.Band:
Anne B. Ragde: Einsiedlerkrebse, übersetzt v. Gabriele Haefs, Erstveröffentlichung 2008, 318 Seiten
3.Band:
Anne B. Ragde: Hitzewelle, übersetzt v. Gabriele Haefs, Erstveröffentlichung 2009, 318 Seiten
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