Jörg Juretzka: Rotzig & Rotzig


Rotzig & Rotzig ist ein gutes, spannendes und äußerst amüsantes Buch. Trotzdem würde ich das Buch nicht uneingeschränkt empfehlen, da Juretzka sicher nicht jedermanns Sache ist.

Rotzig & Rotzig von Jörg Juretzka erschien im Februar 2010 bei Rotbuch. Der Krimi ist bereits der neunte Teil der Kristof Kryszinski-Reihe, die seit 1998 erscheint. Ich habe keinen der vorherigen Bände gelesen, fand das für das Verständnis aber nicht weiter störend.

Jörg Juretzka wurde 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren und ist gelernter Zimmermann. Für seine Krimis wurde er bereits dreimal mit dem deutschen Krimipreis augezeichnet. Trotzdem haben die Krimis noch keine größere Zielgruppe erreicht und der Autor kann vom Schreiben alleine nicht leben (vgl. wdr.de).

Juretzka wird häufig mit mit dem amerikanischen Autor Raymond Chandler verglichen – ob der Vergleich stimmt, kann ich nicht beurteilen, da ich bisher keine Marlowe-Krimis gelesen habe. Auf jeden Fall wirkt der Krimi typisch amerikanisch und könnte statt im Ruhrpott genausogut in LA spielen. Der Protagonist ist ein rauchender, trinkender, dauercooler Privatdetektiv, der mit zwielichten Gestalten an zwielichtigen Schauplätzen abhängt, zynische Sprüche ablässt und natürlich immer härter, lässiger & cleverer ist als die Bösen.

In Rotzig & Rotzig soll Privatdetektiv Kristofer Kryszinski als Hausmeister getarnt in einer Hochhaussiedlung eine Einbruchsserie aufklären. Die beiden zehnjährigen Zwillinge Yves und Sean scheinen hinter den Diebstählen zu stecken und kommen daraufhin in eine Pflegefamilie nach Luxemburg. Die Umstände dieser Unterbringung kommen Kryszinski verdächtig vor, er folgt den Zwillingen und kommt dabei einem noch viel größerem Fall auf die Schliche.

Der erste Teil des Krimis spielt in Mülheim im Ruhrgebiet. In der Hochhaussiedlung leben soziale Problemfälle, auf dem Spielplatz wird mit Drogen gedealt, alles ist heruntergekommen, Nachbarn spionieren und denunzieren. Hier wachsen die zehnjährigen Zwillinge Yves und Sean (von der Mutter „Üffes“ und „Sien“ genannt) auf. Die Mutter ist tablettenabhängig und der Stiefvater kümmert sich nicht um die beiden. Die beiden Jungs sind aufgeweckt, aber nutzen ihre Strafunmündigkeit, um kleinere Verbrechen zu begehen. Was nach einem bedrückenden Szenario klingt, wird in dem Buch sehr nett, lebendig und humorvoll beschrieben. Eine Szene, die den Charakter der Zwillinge und den des Krimis schön widergibt, möchte ich hier zitieren:

“Die beiden Rotzigen. Sie mühten sich mit einem Mountainbike ab, ein recht sperriger Gegenstand, wenn man noch zu klein ist, ihn sich einfach auf die Schulter zu wuchten. Und, natürlich, solange das Hinterrad mit einem soliden Bügelschloss gesichert ist. „Wo habt ihr denn das Fahrrad her?“ Noch während ich fragte, wusste ich schon die Antwort. „Gefunden.“ Was denn auch sonst. „Kannste kaufen.“ [...] „Nee, lasst mal. Wir machen Folgendes: Ihr bringt das Rad sofort dahin zurück, wo ihr es angeblich gefunden habt, und ich drücke noch mal ein Auge zu.“ „Ja gut“, sagte der eine zerknirscht. „Und danke auch.“ „Wird uns eine Lehre sein“ meinte der andere. Und sie schoben ab. Allerdings exakt in derselben Richtung, in der sie auch vorher schon unterwegs gewesen waren.” (S.39)

Der zweite Teil des Buchs spielt dann größtenteils in Luxemburg, hier fand ich die Milieubeschreibungen nicht ganz so anschaulich. Auch kamen immer mehr Nebenfiguren, von denen manche etwas farblos blieben, so dass ich am Schluss ein wenig den Überblick verloren hatte. Sicherlich wird dies den regelmäßigen Lesern der Reihe leichter fallen, da einige Personen wohl bereits in früheren Bänden aufgetreten sind.

Die Handlung war spätestens nach der Häfte des Buches recht vorhersehbar und das Ende nicht überraschend. Trotzdem war das Buch spannend, da anfangs noch nicht klar ist, welche Person welche Rolle spielt. Zum Ende hin entwickelt sich dann ein schräger Action-Wettlauf gegen die Zeit inklusive Schießerei, Autorennen, dem obligatorischen Hackerkumpel, Folter und Explosionen.

Geschrieben ist das Ganze aus Sicht des mir sehr sympathischen Ich-Erzählers Kryszinski. Das Geschehen wird mit wunderbar lakonischem Witz kommentiert. Juretzka findet die richtige Balance zwischen ernst und witzig, so dass der Humor niemals nervig oder albern wird.

Der Krimi ist schnoddrig geschrieben, mit Dialekt-und Fäkalausdrücken, was gut zu dem Milieu und der Atmosphäre passt. Allerdings ist mir dieser Stil auch teilweise auf die Nerven gegangen und ich finde, manchmal hätte statt „Scheißpapier“ auch ein „Klopapier“ gereicht. Insgesamt fand ich Rotzig & Rotzig recht einfach zu lesen, ich habe aber immer ein paar Seiten zum Einlesen gebraucht. Das Buch ist etwas sperrig geschrieben, sehr kurze und sehr lange, verschachtelte Sätze wechseln sich ab – dies hat stellenweise den Lesefluss gebremst.

Fazit: Ich mochte das Buch und es hat mich zum Lachen gebracht. Wenn Euch der spezielle Humor und die derbe Ausdrucksweise nicht abschrecken, kann ich das Buch sehr empfehlen.

Übersicht über die Kristof-Kryszinski-Reihe

1. Band: Jörg Juretzka: Prickel, Erstveröffentlichung 1998, 302 Seiten
2. Band: Jörg Juretzka: Sense, Erstveröffentlichung 2000, 239 Seiten
3. Band: Jörg Juretzka: Der Willy ist weg, Erstveröffentlichung 2001, 286 Seiten
4. Band: Jörg Juretzka: Fallera, Erstveröffentlichung 2002, 159 Seiten
5. Band: Jörg Juretzka: Equinox, Erstveröffentlichung 2003, 287 Seiten
6. Band: Jörg Juretzka: Wanted, Erstveröffentlichung 2004, 347 Seiten
7. Band: Jörg Juretzka: Bis zum Hals, Erstveröffentlichung 2007, 301 Seiten
8. Band: Jörg Juretzka: Alles total groovy hier, Erstveröffentlichung 2009, 224 Seiten
9. Band: Jörg Juretzka: Rotzig & Rotzig, Erstveröffentlichung 2010, 253 Seiten

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