Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis


Jerusalem in den 40er Jahren: Zufluchtsort für die vertriebenen Juden aus Europa, die Zeit des britischen Besatzungsmandats, das Aufeinanderprallen der arabischen und jüdischen Kultur, die Gründung des Staates Israel, der Unabhängigkeitskrieg. In diesen aufwühlenden Jahren wächst der junge Amos heran. Der stark autobiografisch gefärbte Roman erzählt die Geschichte seiner Kindheit, seiner Eltern, seiner Familie und auch immer die Geschichte der jüdischen Nation in der Nachkriegszeit.

Amos lebt mit seinen Eltern Fania und Arie in einer kleinen Wohnung im jüdischen Viertel. Seine Mutter ist eine liebenswürdige, intelligente und schöne Frau, die Geschichte und Philosophie studiert hat. Sie erkrankt an einer immer schwerer werdenden Depression, die schließlich zu ihrem Selbstmord führt.

Sein Vater ist ein Bibliothekar und Universalgelehrter, der siebzehn Sprachen lesen und elf sprechen kann (alle mit russischem Akzent) und der gerne Monologe über die Herkunft und Bedeutung von Wörtern hält. Sein Leben lang hofft er auf eine Stelle als Dozent an der Universität, er promoviert im Alter sogar noch. Aus verschiedenen Gründen (zum Beispiel hatte sein Onkel und Professor Angst vor Gerede, wenn er seinen Neffen als Assistenten und Nachfolger einsetzte; außerdem war das Land zu der Zeit voll von Gelehrten von den besten Universitäten Europas, es gab aber nur eine kleine Uni und wenige Studenten) geht sein Wunsch nicht in Erfüllung. Er tröstet sich mit dem Lesen und Schreiben von Büchern und mit Diskussionsrunden in Künstlerkreisen, meist bei seinem Onkel, dem berühmten wie auch selbstverliebtem Schriftsteller und Professor. Die Frau des Professors, Zippora, lebt durch ihren Mann und ist ihm Mutter, Tochter, Frau und Dienerin zugleich. Außerdem ist da noch die Großmutter, die von einer Furcht vor Mikroben besessen ist und deswegen mehrmals täglich die Wohnung desinfiziert, heiß badet und ihren Mann jeden Morgen die Bettwäsche ausklopfen lässt.

Ihr Mann, Amos Großvater Alexander, ein eleganter und lebenslustiger Mann lebt nach dem Tod seiner herrischen Frau (die an Herzinfarkt wegen zu heißem Badens gestorben ist) wieder auf und erlebt seinen zweiten Frühling. Er liebt die Frauen und die Frauen lieben ihn, vor allem wegen seiner Fähigkeit, mit echtem Interesse und kindlicher Neugier stundenlang zuzuhören. Er bindet sich aber nicht mehr, sondern genießt es, sich immer wieder neu zu verlieben. (Alexander hatte sich schon während der ersten Reise mit seiner Frau in eine andere verliebt, wurde aber von Großmutter Schlomit an einem Ohr zum Altar geschleift).

Der Roman von Oz kommt ohne eine wirkliche Handlung aus. Vor allem werden Episoden aus der Kindheit erzählt, dazwischen werden immer wieder Geschichten von den einzelnen Familienmitgliedern eingeflochten. Der Roman macht häufige Zeitsprünge und teilweise werden auch Enden der einzelnen Handlungsstränge vorweggenommen. Trotzdem schafft es Oz, eine unglaubliche Spannung aufzubauen und den Leser mit seiner Erzählung zu fesseln, so dass man das Buch ungeachtet seiner 830 Seiten nicht mehr aus der Hand legen kann.

Trotz der literarischen und stellenweise auch sehr poetischen Sprache ist der Roman sehr leicht zu lesen und – auch ohne besondere Vorkenntnisse der jüdischen Geschichte – immer gut zu verstehen.

Besonders faszinierend sind die Wechsel der Sichtweisen: Amos Oz ist bereits erwachsen, als er den Roman geschrieben hat. Trotzdem schafft er es, sich in das Kind von früher zu verwandeln und einen Großteil der Geschichte aus seiner kindlich-naiven Sicht zu beschreiben. Dazwischen macht er immer wieder Anmerkungen, die von dem erwachsenen Amos stammen. Es geht in dem Roman viel um Aufarbeitung, hauptsächlich um die Aufarbeitung der Beziehung zu den Eltern. Da ist einmal der Selbstmord der Mutter, den Oz wohl im Nachhinein verstehen will – nachdem er als Kind erst sich und dann seinem Vater die Schuld dafür gegeben hat. Außerdem zieht sich durch das ganze Buch auch die Problematik der Vater-Sohn-Beziehung. Zum Beispiel spricht der Vater – ein Mensch, der Schweigen nicht ertragen kann und jede Stille mit Kalauern füllt; jemand, der immer redet – nicht mit Amos über den Tod der Mutter. Um das Verhalten der Eltern zu verstehen wird die gesamte Familiengeschichte beleuchtet. Oz versucht, sich den Eltern über ihre Herkunft zu nähern. Vorrangig ist der Roman also ein Familienepos. Die Abgrenzung zwischen Autobiografie und Fiktion ist stellenweise schwierig.

Amos Oz schiebt zu Beginn des Romans ein Kapitel ein, in dem er sich zu dem Thema äußert. Er bezeichnet den Leser, der immer sofort wissen will, was in Wirklichkeit geschehen ist, als schlechten, trägen und klatschsüchtigen Leser. Oz erwartet von einem guten Leser, dass er den Kern der Geschichte im Verhältnis von Text und Leser sucht, nicht im Verhältnis zwischen Autor und Werk. Diese eingeschobene Belehrung stellt den einzigen Schwachpunkt des Werkes dar. Das Kapitel passt weder stilistisch noch inhaltlich in die Erzählung. Am ehesten wäre es etwas für ein Vor- oder Nachwort, noch eher wohl für ein Interview, in dem Oz nach seinem Lieblingsleser gefragt würde. Da bei einem mit (natürlicher und gesunder) Neugier ausgestattetem Leser wohl immer die Frage aufkommen muss, inwieweit die Geschichte der Wahrheit entspricht, fühlt man sich von diesem Einschub doch etwas angegriffen. Aber ob autobiografisch oder fiktiv, die Kindheitsgeschichte des Amos ist auf jeden Fall spannend.

Die Übersetzerin Ruth Achlama hat hervorragende Arbeit geleistet. Durch das Einflechten vieler hebräischer Wörter fühlt man sich der Sprache so verbunden, dass man fast vergessen könnte, dass man die deutsche Übersetzung liest und sogar die vielen Wortwitze bleiben auch in der Übersetzung lustig.
Trotz der schwierigen Kindheit auf Grund der politischen Hintergründe, des Todes von Verwandten und Bekannten, des Selbstmords der Mutter und der problematischen Beziehung zu seinem Vater ist das Buch wunderbar heiter geschrieben. Oz klagt nicht an, sondern erzählt seine Geschichte mit einer subtilen Ironie. So kommt man als Leser auch an keiner Stelle auf die Idee, die Juden als Opfer zu sehen. Zum Beispiel wird in der Beschreibung der Probleme durch die Besatzungsmacht erzählt, wie Amos mit seinen Freunden im Hof seiner Eltern eine Rakete baut – aus einem kaputten Kühlschrank und einem alten Fahrrad. Diese Rakete soll auf den Buckingham Palast in London gerichtet werden. Amos tippt auf der Schreibmaschine seines Vaters ein höfliches Ultimatum an den englischen König. Allerdings verlassen die Engländer das Land, bevor Amos ein Leitsystem und passenden Treibstoff entwickeln kann. An einer anderen Stelle wird beschrieben, wie die Briten den Esel des Milchhändlers erschießen, weil Sie Sprengstoff in den Milchkannen vermuten. An diesen Stellen muss man erstmal schmunzeln, auch wenn man danach erfährt, dass wohl tatsächlich ein Anschlag auf diese Weise verübt wurde.

Auch die Problematik der Sprache wird mehrmals erwähnt: die Hebräische Sprache ist gerade erst dabei, eine gesprochene Sprache zu werden. Dadurch kommt es immer wieder zu Missverständnissen, es herrschte noch ein Mangel an Worten und man konnte sich nie sicher sein, ob man unfreiwillig etwas Lächerliches sagte. Großvater Alexander schaffte es nie, die Sprache richtig zu lernen. So nennt er den Friseur (sapar) hartnäckig Matrose (sapan) und der Friseursalon wird bei ihm zur Werft.

Die problematische Beziehung zu den Arabern vor dem Krieg wird beim Einkauf im Lebensmittelladen verdeutlicht: es gibt zwei Sorten Käse, jüdischen und arabischen. Der arabische Käse ist etwas billiger und schmeckt etwas besser. Bei jedem Einkauf entsteht eine neue Debatte darüber, welchen Käse man kaufen sollte. Den jüdischen, um die Pioniere zu unterstützen, die diesen eigens angefertigt haben? Oder doch den arabischen, um den Hass der Nachbarn nicht noch durch einen Boykott zu vertiefen? Oder wäre das Verrat am Zionismus? So werden die politischen Hintergründe hauptsächlich an kleinen Beispielen aus dem Alltag geschildert. Dies macht die historischen Begebenheiten so verständlich und anschaulich wie es kein Geschichtsbuch könnte.

Für seine Werke hat Amos Oz 1992 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels bekommen. In der Begründung hieß es:

„In seinen politisch engagierten Werken vermittelt Amos Oz ein lebendiges Bild der israelischen Gesellschaft mit ihren vielschichtigen und schwierigen Beziehungen der Menschen untereinander und zu der Welt; er schildert die Vielfalt der Stimmen im Staat Israel. [...] Amos Oz setzt sich mit aller Kraft für ein dauerhaftes und friedvolles, für ein gerechtes Zusammenleben von Israelis und Palästinensern ein – und zwar in ihrer angestammten Heimat. Frieden gilt es zu leben, nicht Krieg. Dies bedeutet für Amos Oz, der die Philosophie des Kompromisses und der Verständigung vertritt, gute Nachbarschaft und Fairneß zwischen den Nationen, Toleranz und Menschlichkeit.”

Diese Einstellung wird auch in seinem Roman Eine Geschichte von Liebe und Finsternis vermittelt.

Amos Oz: Eine Geschichte von Liebe und Finsternis. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004. 829 Seiten
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